Schweiz 2019

Schweiz 2019

Ich habe mich verliebt. Verliebt in ein Land, in dem ich die Menschen besser verstehe, wenn sie Französisch anstatt Deutsch reden. Verliebt in ein kleines Land, das so unglaublich vielfältig ist. Verliebt in ein Land, in dem man sich nach einem kleinen Einkauf fragt, wie viele Eigentumsanteile des Ladens einem denn jetzt gehören. Verliebt in ein Land, in dem die Radwege so gut ausgeschildert sind, dass sogar ich es kaum schaffe, mich zu verfahren. Verliebt in ein Land, in dem man selbst im kleinsten Bergdorf Handyempfang hat. Verliebt in das Land von Schoggi, Käse und Fondue, von glasklaren Seen, von tosenden oder leise plätschernden Wasserfällen und von schneebedeckten Berggipfeln.

Teil 1: Endlich wieder unterwegs
Teil 2: Vögel und andere Erleuchtungen
Teil 3: Genfer See, ich komme!
Teil 4: Von kleinen Entscheidungen und großen Mückenschwärmen
Teil 5: Hitze
Teil 6: Man trifft sich immer zweimal (oder noch öfter)
Teil 7: Höhepunkte

Herz aus Federn vor Sonnenuntergang

Endlich wieder unterwegs

(Mittwoch, 26. Juni 2019)

Urlaub! Lange habe ich mich darauf gefreut und jetzt ist er endlich da. Ich liege am Murtensee und schaue in den Sonnenuntergang. Hinter mir steht mein Zelt, um mich herum beginnt das Mückenballett, dem ich versuche zu entgehen, indem ich mich in eine kleine Wolke aus Insektenspray hülle. Es gibt hier auf dem Zeltplatz schließlich noch genug andere Warmblüter, die die kleinen Plagegeister belästigen können. Während die Sonne langsam so richtig schön kitschig am anderen Ufer versinkt, lasse ich die letzten drei Tage Revue passieren: Die Bahnfahrt nach Bern hat erstaunlicherweise sehr gut und pünktlich geklappt, inklusive aller 5 Umstiege mit voll beladenem Rad. Das ist ja nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Einzig im Regionalzug von Potsdam nach Berlin tat eine Dame (Ist es eigentlich Zufall, dass die Worte „Dame“ und „Drachen“ mit demselben Buchstaben beginnen?) ihren Unmut darüber kund, wie ich es denn wagen könne, morgens um 8 mit dem voluminösen Rad im Zug zu fahren. Tja, ganz einfach: Das war die einzige Verbindung innerhalb von 2 Tagen, für die man 2 Monate vorher noch Fahrradstellplätze buchen konnte. Und außerdem bin ich einmal durch ganz Deutschland gefahren, das heißt den Berufsverkehr hätte ich eh in irgendeiner Stadt erwischt. Also wünschte ich der Dame einfach nur einen schönen Tag und hab ansonsten versucht sie zu ignorieren. Lustigerweise fragte daraufhin eine andere junge Frau laut und deutlich, ob sie mir denn helfen könne mit dem unhandlichen Rad. Vielen Dank für die Solidarität!

Pünktlich wie die Schweizer Bahn erreichte ich abends den Berner Hauptbahnhof, wo mich Robert erwartete. Zu seiner Wohnung fuhren wir ca. 3 Kilometer mit dem Rad über meine ersten kleinen Hügel der Schweiz. Das war ganz schön anstrengend für so einen Flachländler wie mich. Ob ich mir das gut überlegt hätte mit dem Fahrrad in der Schweiz, fragte mich Robert. Nö. So richtig geplant hatte ich gar nichts. Kein Ziel, keine Route, keine Karte, kein Navi. Am nächsten Tag haben wir das Fahrrad auch erst einmal stehen gelassen und sind wandern gegangen. Da hatte das Rad ja schon mal ein bisschen Zeit, sich in Ruhe an das Land zu gewöhnen ;-).

Wie wunderschön doch schneebedeckte Berge sind! Ich kann mich nicht daran satt sehen. Dieses Farbenspiel von blau, weiß, grau und grün ist einfach nur toll, aber seht selbst:

Verschneite Berge am Oeschinensee
Verschneite Berge am Oeschinensee

Robert und ich wanderten vom Örtchen Kandersteg zum Oeschinensee, die Bergbahn haben wir ignoriert. Viele andere Menschen taten dies aber nicht und so empfing uns nach einem ruhigen Aufstieg ein wahres Rudel von Touristen am See. Ja ok, wir waren auch Touristen, aber immerhin wandernde ;-). Am meisten störte aber nicht die schiere Menschenmenge – schließlich darf sich jeder an den Naturschönheiten erfreuen – sondern die Tatsache, dass aus jeder Ecke lautstark Musik aus Bluetooth-Lautsprechern über den See dröhnte. Technischer Fortschritt hin oder her, manchmal wünsche auch ich mir die gute alte Zeit zurück. Um dieser Geräuschkulisse zu entgehen und weil es natürlich auf der anderen Seite viiiel schöner und interessanter aussah, liefen wir soweit wir kamen um den See herum und gelangten zu zwei Wasserfällen. An dem ersten konnte man richtig duschen. Dem Quietschen derer, die das taten, nach zu urteilen, war das Schmelzwasser von den Bergen aber doch eher kühl. Am zweiten Wasserfall begegneten wir niemandem mehr und saßen einfach nur eine ganze Weile schweigend da, starrten auf die herabstürzenden Wassermassen und ließen uns von der Gischt abkühlen. Als es schließlich Zeit wurde zu gehen, gelangten wir über einen schönen steilen Weg hinab ins Tal. In der Bahn zurück nach Bern waren wir beide ganz schön k.o. Wenn man es nicht gewohnt ist, können einen die Sonne, die frische Bergluft und die Anstrengung ganz schön fertig machen.

Am nächsten Tag musste Robert wieder arbeiten und ich wollte nun endlich mal mit der Tourplanung beginnen. Also suchte ich zunächst ein Geschäft, das Landkarten verkaufte, denn mit Handynavigation hatte ich mich aus mehreren Gründen immer noch nicht anfreunden können. Ausgestattet mit Karten und ein paar Lebensmitteln fuhr ich zurück zu Robs Wohnung, packte meine Siebensachen und machte mich nun wirklich auf den Weg. Ich freue mich jedesmal, wenn ich auf meinen Radreisen auch Freunde besuche. Was dabei aber immer wieder schwer fällt, ist der Abschied von ihnen – das Alleine-Losfahren. Auch diesmal kam mehrfach der Gedanke angeschlichen: „Ich könnte doch noch einen Tag bleiben und dann machen wir uns noch einen schönen Abend.“, anstatt mich nun so ganz alleine auf den Weg zu machen. Aber nein! Es ging los. Inzwischen weiß ich auch, dass diese Gedanken sich relativ schnell in Wohlgefallen auflösen, sobald ich unterwegs bin und dass ich zwischendurch immer wieder Begegnungen mit unbekannten Menschen haben werde, die so eine Tour unglaublich bereichern. Auch dieses Mal verflogen die Zweifel, sobald ich den Sattel unterm Hintern hatte. Wobei ich zugeben muss, dass der vorherrschende strahlende Sonnenschein einen Aufbruch deutlich leichter machte, als strömender Regen es getan hätte. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber sobald ich mit dem Rad unterwegs bin, habe ich das Gefühl, dass alles stimmt. Es fühlt sich einfach nur gut und richtig an, so unterwegs zu sein. Die Gedanken sortieren sich, ich kann in Ruhe nachdenken und die besten Ideen kommen mir eh beim Radeln (oder beim Duschen…oder auf Klo…aber lassen wir das).

Der Weg war wie gemacht für einen Tourbeginn: abwechslungsreich, über Felder, an kleinen Flüsschen oder auch mal an einem Atomkraftwerk entlang (Es hat zum Glück nicht „Puff“ gemacht). Ein bisschen hoch, ein bisschen runter, aber alles noch sehr gemäßigt. Dafür, dass dieser Weg als eine der neun Fahrradhauptrouten der Schweiz ausgewiesen ist, traf ich enorm wenig andere Radler. Genaugenommen nur zwei. Und das waren nicht mal Rentner auf E-Bikes ;-).

So endet der erste Radeltag mit eben jenem eingangs erwähnten Sonnenuntergang und für mich zählt nur der eine Gedanke: Endlich wieder unterwegs!


Vögel und andere Erleuchtungen

(Donnerstag, 27. Juni 2019)

Einen Tag später ungefähr zur selben Uhrzeit bietet sich ungefähr dasselbe Bild: Kitschiger Sonnenuntergang am See und ich schwitze noch so ein bisschen vor mich hin. Heute führte mich der Weg vom Murtensee an den Neuenburger See über einen kleinen Weinberg. Mitten auf dem Berg steht so eine Art Wasserturm. Ob man da hoch kann? Ich versuche es einfach mal, abgesperrt ist er nicht. Am Eingang der „Kugel“ hängt ein Schild in französischer Sprache, aber ich komme nicht so recht dahinter, was es mir mitteilen möchte, also gehe ich erst einmal weiter. Im Innern der Kuppel ist es aber stockfinster, sodass ich nach ein paar Metern umkehre und wieder hinuntersteigen will. In diesem Moment habe ich im doppelten Wortsinn eine Erleuchtung: Licht! Auf dem Schild steht: „Beim Verlassen bitte das Licht ausmachen!“ Und wo man Licht ausmachen soll, muss es ja auch irgendwo angehen. Da hat er sich versteckt, der Schalter. Nun kann ich also doch noch weiter hinauf steigen und  am Ende der Treppe klettere ich durch eine kleine Luke auf eine umzäunte schmale Galerie. Der Aufstieg hat sich wirklich gelohnt. Von hier oben kann ich meine komplette Tagesetappe überblicken: Auf der einen Seite der Murtensee, auf der anderen Seite der Neuenburger See (oder auch Lac Neuchâtel, schließlich bin ich ja inzwischen im französischsprachigen Teil der Schweiz gelandet, wie ich eben zur Kenntnis genommen habe) und ich genau dazwischen. Einzig die hohe Luftfeuchtigkeit trübt den Blick ein wenig, aber was macht das schon. Nach einer kurzen Foto-und-Snack-Pause steige ich wieder hinunter, selbstverständlich nicht ohne das Licht auszumachen.

Ein wenig später, während der Mittagspause an einem kleinen Dorfteich, beobachte ich eine Familie Blässrallen und eine Familie Kolbenenten, deren Nachbarschaftsverhältnis jeder deutschen Kleingartensiedlung zur Ehre gereichen würde. Die sind ziemlich auf Krawall gebürstet und wenn sie sich zu nahe kommen, gibt es richtig Stress. Da der Weiher nicht all zu groß ist, ist das öfter mal der Fall. Am Ende verjagt Mama Blässralle sogar einen Graureiher, der sich – nichts Böses ahnend – dazu gesellt hatte. Das nenne ich mal Zwergenaufstand. Obwohl ich auch nicht wüsste, ob so ein Blässküken für den Reiher nicht auch ein leckeres Amuse-gueule abgegeben hätte…

Kolbenente und Blaessralle auf dem Dorfteich
Wer findet die beiden Kontrahentinnen?

Das war’s auch noch nicht mit Vögeln für diesen Tag, ein weiteres Erlebnis sollte folgen. Als ich am Ufer des Neuenburger Sees entlang radele, sehe ich einen Beobachtungsturm aus dem dichten Schilfgürtel herausragen. Den will ich mir ansehen! Auf dem Fußweg dorthin begegnet mir ein freundlicher älterer Herr, der sofort eifrig in französischer Sprache auf mich einredet. Und ich verstehe: nichts! Daraufhin versucht er es, nicht weniger enthusiastisch, mit einer Mischung aus Deutsch und Französisch. Es gäbe einen PIN-Code, den man bräuchte, um in die Vogelbeobachtungshütte zu gelangen. Eigentlich bekäme man den im Naturparkzentrum, aber er könne mir den auch geben, das sei gar kein Problem. Und ehe ich mich versehe, sind wir an der Vogelbeobachtungshütte, er tippt die Nummer ein, schiebt mich durch die Tür, wünscht mir einen schönen Tag und verschwindet. Ein bisschen perplex stehe ich im Halbdunkel der Hütte und erblicke als erstes 4 oder 5 riesige Teleobjektive. Dahinter jeweils die dazugehörigen Fotografen, die meine Gegenwart maximal mit einem kurzen Aufblicken zur Kenntnis nehmen. Schnell lasse ich mich auf einer der Holzbänke nieder und muss grinsen, wenn ich daran denke, wie abrupt ich hier hinein geraten bin. Da sitze ich nun und was bleibt mir jetzt anderes übrig, als Vögel zu beobachten. Meine kleine uralte Digitalkamera rauszuholen traue ich mich nicht so richtig, die bekommt bestimmt Minderwertigkeitskomplexe bei der fortgeschrittenen Technik, die hier versammelt ist. Ein Fernglas wäre hilfreich, aber so etwas hab ich leider nicht dabei, auf Tour zählt schließlich jedes Gramm. (Ich schweige jetzt mal großzügig über das, was ich alles dabei hatte und nicht gebraucht habe.) Es ist schon erstaunlich, wie viele Dinge man entdeckt, wenn man einfach mal eine Weile still beobachtet. Alleine hätte ich sicherlich nicht die innere Ruhe dazu gehabt und wäre nach der Erkenntnis „Ah, hier gibt’s viele Wasservögel“ bald wieder gegangen. Da ich nun die Beobachtungshütte aber nicht sofort wieder verlassen und die Hobbyfotografen damit ein weiteres Mal stören möchte, lasse ich mich darauf ein und kann nach und nach immer mehr verschiedene Arten, sowie einige Nester im dichten Schilfgürtel ausmachen. Außerdem entwickele ich eine weitere Taktik, um Interessantes zu sehen: Sobald neben mir ein wildes Klicken von Kameraauslösern zu hören ist, muss ich nur schauen, in welche Richtung die dazugehörigen Objektive ausgerichtet sind, dort passiert dann gerade irgendetwas oder ein Vogel ist besonders gut zu sehen. Als aber eine ganze Weile gar nichts los ist und sogar die Herren Fotografen beginnen miteinander zu flüstern, verkrümele ich mich schließlich doch. Auf dem Weg zurück zu meinem Rad finde ich dann auch den Abzweig zum Beobachtungsturm, den ich vom Radweg aus gesehen hatte, und der, im Gegensatz zu der Hütte, nicht passwortgeschützt ist. Lustigerweise bin ich hier ganz alleine, habe sogar noch einen besseren Blick auf den See und mache nun auch endlich mit meiner kleinen Kamera ein paar Fotos von dem regen Treiben im Schilf.

Voegel im Schilfguertel

Genfer See, ich komme!

(Freitag, 28. Juni 2019)

Bereits kurz nach Sonnenaufgang ist es im Zelt schon wieder so brütend heiß, dass ich aufwache. Ein bisschen döse ich noch vor mich hin, aber – ach was soll’s – dann stehe ich halt auf. Beim Frühstück am Gruppentisch (Luxus auf einigen Campingplätzen – sogar überdacht und mit Steckdosen!) unterhalte ich mich mit einer Frau aus der Bourgogne (Burgund) in feinstem Franglais. Als ich schließlich gegen dreiviertel zehn im Sattel sitze, zeigt das Thermometer bereits wieder 29°C an. Aber ich werde mich nicht beschweren, schließlich liebe ich den Sommer! Und beim Radfahren umschmeichelt einen ja der Fahrtwind, nur das Stehenbleiben sollte man tunlichst vermeiden, um ergiebige Schweißausbrüche zu verhindern.

Genfer See, ich komme! Vor einigen Jahren war ich schon einmal hier und hatte zwar nur noch rudimentäre, aber sehr schöne Erinnerungen an diesen Ausflug. Ich werde nicht enttäuscht, sondern erblicke wahrhaftig eine Szenerie wie aus dem Bilderbuch: Die mächtigen, zum Teil immer noch mit Schneemützchen bedeckten Berge erheben sich auf der Südseite. Vor ihnen breitet sich der strahlend blaue See glitzernd und glasklar in der Sonne aus. Die Nordseite, an der ich entlangfahre, ist mit etwas flacheren, aber nicht weniger steilen Weinbergen gesäumt, die sich später im Abendlicht langsam orange färben.

Bei solch steilen Ufern ist es natürlich auch nicht so einfach einen Campingplatz anzulegen. So teilt man mir bei dem von mir anvisierten an der Rezeption mit: „Ja, Sie haben Glück, unser einziger Zeltstellplatz ist frei.“ Ich bekomme also mein eigenes kleines Gartengrundstück zugewiesen, auf dem viel mehr als mein kleines Einpersonenzelt wohl kaum Platz gefunden hätte. Beim Abendbrot auf den Ufersteinen werde ich von zahlreichen Eidechsen beobachtet, die sich in den letzten Sonnenstrahlen des Tages wärmen. Aber auch danach wird es nicht wirklich kühl. Als die Sonne längst hinter dem Horizont verschwunden ist, gehe ich, nur mit T-Shirt und kurzer Hose bekleidet, noch einmal zum Wasser. Ein leichter Wind lässt die Birkenblätter über mir leise rauschen, am gegenüberliegenden Ufer glitzern hunderte Lichter und ein beeindruckender Sternenhimmel erstreckt sich über das Firmament. Es ist so wunderschön, dass mich, trotz der milden Temperaturen, eine Gänsehaut kurz erschauern lässt. Was für ein Gefühl muss es erst sein, solche magischen Momente zu zweit zu erleben…


Von kleinen Entscheidungen und großen Mückenschwärmen

(Samstag, 29. Juni 2019)

Zu schön finde ich diesen See und deswegen komme ich heute nicht weit voran. Ständig halte ich an, um die Aussicht zu genießen oder auch mal für einen Abstecher zu Fuß in die Weinberge. Selbst von oben, fast 100 m über dem Wasserspiegel, kann ich im Uferbereich die einzelnen Steine erkennen, so klar ist das Wasser. Der Genfer See ist für mich die optimale Mischung zwischen mediterranem Flair und der Rauheit der Berge. Quasi die Alpen direkt am Mittelmeer und das mitten in der Schweiz.

Ich bringe es noch nicht über mich, zur Rhône abzubiegen und so bleibe ich, obwohl es noch ziemlich früh am Tage ist und der Kilometerzähler heute nicht wegen Überanstrengung in den Streik treten wird, auf dem letzten Campingplatz am Ostufer des Sees. Am Abend stelle ich fest, dass das auch die richtige Entscheidung war, oder zumindest eine sehr gute. Ich weiß ja nicht, wie die anderen Alternativen ausgesehen hätten. Dennoch habe ich gerade auf Reisen, aber auch sonst im Leben Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Immer wieder schleicht sich dieses Was-wäre-wenn-Gefühl dazwischen. Wäre der andere Weg vielleicht schöner gewesen, der andere Campingplatz günstiger? Mit solchen Entscheidungen und dem ganzen Hin-und-Her-Überlegen kann ich eine ganz Menge Zeit und auch viel Energie verplempern, ohne hinterher einen Schritt weiter gekommen zu sein. Inzwischen ertappe ich mich sogar dabei, die Google-Bewertungen der unterschiedlichen Zeltplätze auf dem Smartphone zu lesen, bevor ich mir einen aussuche. Wirklich dämlich und ich hoffe, ich schaffe es, mir in Zukunft um solche kraftraubenden Nichtigkeiten nicht so viele Gedanken zu machen, einfach mal zu einer Entscheidung stehen zu können und anzunehmen, was grad ist.

Aufgrund des frühen Feierabends beschließe ich, den heutigen Tag zum Waschtag zu machen und lasse mir von dem sympathischen jungen Mann an der Rezeption die Waschmaschinen zeigen und das Chipkartensystem erläutern. Als ich später die Wäsche wieder aus der Maschine befreit habe und bei ihm bezahlen will, lehnt er das ab, weil er es toll findet, dass ich allein mit dem Fahrrad unterwegs bin. Vielen Dank, Silvan! Nebenbei erfahre ich auch noch ein bisschen über die naturräumlichen Gegebenheiten dieser Gegend. Die Rhône, die hier in den Genfer See mündet, bringt auf ihrem Weg durch die Alpen reichlich Sediment mit, wodurch das Ostufer des Sees sehr flach ist. „Bis zu 500 m kann man in den See hineinlaufen, bis man nicht mehr stehen kann.“, erklärt mir Silvan. Da bekommt der Begriff „baden gehen“ eine ganz neue Bedeutung! Gleichzeitig erwärmt sich das flache Wasser im Frühjahr relativ schnell und eine beliebte Variante des „Biathlon“ bei Einheimischen und Touristen ist es dann, den Vormittag auf der Skipiste zu verbringen und nachmittags in den See zu hopsen. Zumindest den zweiten Teil werde ich jetzt auch ausprobieren, denn es ist die einzige Möglichkeit den Milliarden von Mücken, die das flache warme Wasser als optimale Kinderstube nutzen, nicht als Gourmethappen zu dienen. So schwimme ich im fast badewannenwarmen Wasser des Genfer Sees dem Sonnenuntergang entgegen. Linker Hand die untergehende Sonne, rechts werden langsam die Lichter von Montreux sichtbar und wenn ich mich umdrehe, sehe ich die schneebedeckten Berge im rotgoldenen Abendlicht. Jedes Mal, wenn ich bisher dachte, das sei der kitschigste Moment auf der Tour, kam am nächsten Tag einer, der noch heftiger war. Aber diesmal bin ich mir sicher – noch romantischer geht es nicht!

Sonnenuntergang

Hitze

(Sonntag, 30. Juni 2019)

Beim Frühstück komme ich mit meinen norwegischen Zeltnachbarn ins Gespräch, die mir ihr durchaus überzeugendes Urlaubskonzept vorstellen: Beheimatet in Telemark, besitzen sie ein Ferienhaus in der Toskana, das sie mehrmals im Jahr besuchen. Meist fliegen sie, aber einmal im Jahr machen sie einen Roadtrip durch Europa und fahren mit dem Auto hin. Ein Ferienhaus in der Toskana, wie geil ist das denn bitte? Andererseits: wenn man immer an denselben Ferienort fährt, lernt man wahrscheinlich auch nicht mehr so viele andere Gegenden kennen und es gibt doch so unendlich viel zu entdecken auf dieser Welt.

Bevor ich losfahre, verabschiede ich mich natürlich noch von Silvan an der Rezeption, der mich einlädt, jederzeit wiederzukommen. Hilfsbereit wie ich ihn kennengelernt habe, gibt er für den nächsten Streckenabschnitt gleich noch eine Wegbeschreibung, die ich natürlich sofort wieder vergesse. Mit Wegbeschreibungen ist es wie mit Namen auf Partys: In dem Moment, in dem sie ausgesprochen werden, sind sie auch schon irgendwohin verschwunden, nur leider nicht in mein Gedächtnis. Macht aber nichts, denn ich möchte ja einfach immer weiter an der Rhône entlangfahren und so ein Fluss ist meist einfach zu finden; ein Fluss in den Bergen noch einfacher: Immer wenn es heftig bergauf geht, bist du falsch.

Mit etwas Rückenwind schaffe ich 55 Kilometer bis zur Mittagspause, die mit kalten Nudeln vom Vorabend als kulinarischem Höhepunkt aufwartet. Wobei „nicht zusätzlich erwärmt“ eine passendere Bezeichnung wäre als „kalt“, denn es ist – auf gut deutsch gesagt – schon wieder affenheiß. Eine ganz eigenartige Stimmung ergibt sich daraus. Kaum ein Mensch ist unterwegs, die Gegend wirkt wie ausgestorben. Links und rechts des Tals scheinen die Berge immer näher zu rücken. Im Hintergrund türmen sich die ersten Gewitterwolken am Nachmittagshimmel auf und durch die hohe Luftfeuchtigkeit wirkt alles wie verschleiert, als ob ein Filter über die gesamte Szenerie gelegt wurde. Ich fühle mich wie in einem amerikanischen Film. Fehlt nur noch ein Bündel vertrocknetes Gras, das über die heiße Steppe geweht wird. Sollte jetzt aus der flirrenden Luft ein UFO auftauchen, mit quietschenden Reifen eine Verfolgungsjagd stattfinden oder auch einfach gar nichts passieren: Es würde mich alles nur wenig wundern.

Plötzlich reißen mich Lärm und Geplantsche aus meinen Gedanken. Hier haben sich die Menschen also versteckt: am Badesee. Auch ich entschließe mich dazu, die Sonnencreme-Schweiß-Dreck-Soße auf meinem Körper mal wieder abzuspülen. Das war auf jeden Fall eine gute Idee, denn dabei stelle ich fest, dass ich an meinem anvisierten Campingplatz schon ein Stück vorbei gefahren bin.

Als ich mir abends im Lokal noch ein Radler gönne, spaziert eine kleine Kakerlake über meinen Tisch. Ich nehme mir die Zeit, sie genauer zu betrachten: Eigentlich sieht sie sogar ein bisschen niedlich aus, wie sie mit ihren Fühlern die Gegend erkundet. Allerdings würde ich das wohl nicht sagen, wenn sie größer wäre und mir auch noch ihre Freunde und Familie vorstellte. Man sagt ja immer, auf ein entdecktes Tier kommen mindestens zehn bis einhundert, die man nicht sieht. Also lieber doch nicht ganz so genau hinschauen. So wandert mein Blick stattdessen an dem mächtigen Baumstamm neben meinem Tisch empor. Im ersten flüchtigen Moment hatte ich den Stamm einer Kiefer zugeordnet. Beim genaueren Hinsehen stelle ich fest, dass für eine Kiefer die Rinde weiter oben ganz schön weiß und die Nadeln ganz schön flächig sind. Wird wohl doch eine Birke sein, aber was für eine! Der scheint das warme, trockene Klima hier im Wallis wohl sehr gut zu bekommen. Sogar Kakteen sollen hier wachsen, die habe ich aber noch nicht gesehen.

Die Zeit der romantischen und pompösen Sonnenuntergänge ist vorerst auch vorbei. Gegen 19:30 Uhr verschwindet die Sonne ohne großes Trara und ohne bildgewaltige Farbenpracht hinter einem Berggipfel und das war’s dann. Einfach weg.


Man trifft sich immer zweimal (oder noch öfter)

(Dienstag, 2. Juli)

Man trifft sich immer zweimal im Leben. Selten trifft dieser Spruch so zu, wie auf Radreisen. Ich halte an einer kleinen Steinbrücke mitten im Wald an. Hier ist ein schöner Platz für ein Foto und da ich die Kamera auf das gegenüberliegende Brückengeländer stellen kann, auch mal eins mit Selbstauslöser. „Soll ich ein Foto von dir machen?“, werde ich plötzlich gefragt. Irritiert schaue ich hinter mich. Ein Rennradfahrer grinst mich an. „Du scheinst ja den Weg gestern gefunden zu haben, wenn du inzwischen bis hier gekommen bist.“ Mein Gesicht muss ein einziges Fragezeichen sein. Kennen wir uns? Noch ein kurzer Moment des Grübelns und Innehaltens, dann fällt bei mir endlich der Groschen. Klar, gestern als ich versuchte mich an einem Bauabschnitt des Radwegs zu orientieren, hatte mich ein Radfahrer in orange-blauem Fahrraddress angesprochen und mir geholfen, den richtigen Weg zu finden. Er hatte mir sogar angeboten ein Stück vor mir her zu fahren. Aber nee, das war mir zu anstrengend. Mit voll beladenem Tourenrad einem Rennradfahrer hinterher zu hecheln, entspricht nicht gerade meiner Vorstellung einer gemütlichen Radreise. Von daher verabschiedeten wir uns nach seinen Hinweisen zur Weiterfahrt an Ort und Stelle und innerhalb weniger Minuten war er schon außerhalb meiner Sichtweite. Doch nun – einen Tag später und 25 Kilometer von unserem gestrigen Treffpunkt entfernt – schaue ich wieder auf die Farbkombination aus orange und blau. An seinem Blick sehe ich, dass der Grat zwischen Belustigung und Bewunderung manchmal ein sehr schmaler sein kann. Ersteres weil ich so unglaublich viel Gepäck dabei habe, das ich durch die Schweizer Berge schleppe, und zweiteres weil ich noch nicht aufgegeben habe, sondern immerhin schon bis hier gekommen bin. Einiges an Höhenmetern habe ich heute schon hinter mir – oder besser gesagt: unter mir – und der unebene Waldweg führt weiter bergan. Eigentlich hatte ich auf dieser Brücke auch nur angehalten, weil ich mal ein bisschen verschnaufen wollte und keine Lust mehr hatte, mein Fahrrad weiter hinauf zu schieben, aber man muss ja nicht alle Geheimnisse verraten. Eine allzu gute Schauspielerin bin ich aber anscheinend doch nicht und die Anstrengung steht mir wohl so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass meine Bekanntschaft mich aufmuntert: „Das steilste Stück hast du bald geschafft.“ Also weiter!

Ein paar Kilometer weiter treffen wir uns sogar noch ein drittes Mal: Frisch gestärkt nach Kaffee und Kuchen steigt der Rennfahrer gerade wieder auf sein Rad, als auch ich endlich an dem von ihm schon vorher gelobten Café eintreffe. Entgegen seiner Empfehlung mache ich aber keine Pause und so überqueren wir noch gemeinsam die imposante Hängebrücke, über die der Radweg aufgrund eines Murenabgangs umgeleitet wird. Hintereinander, die Räder schiebend, betreten wir die leicht schwankenden Holzbohlen, deren Zwischenräume den Blick in die Tiefe freigeben. Mehr als 90 Meter unter uns rauscht die Rhône mit munterem Getöse über Stock und Stein. Höhenangst wäre hier definitiv fehl am Platze. Nach beeindruckenden 280 Metern haben wir das andere Ende der Brücke erreicht und unsere Wege trennen sich endgültig.

Den Rest des Tages geht es eher flach und gemütlich weiter. Ein paar dunkle Wolken haben sich inzwischen vor die Sonne geschoben, aber das ist ganz angenehm und die dickste Regenwolke hat sich zu meiner Freude ins Nachbartal verzogen. Mit einem Grinsen im Gesicht muss ich an den deutlich anstrengenderen Vormittag denken: Leise vor mich hin fluchend schob ich mein Rad den ersten Anstieg des Tages hinauf. Jedes Mal wenn ich dachte „Gleich hast du’s geschafft.“ folgte die nächste Kehre, hinter der sich die Straße weiter bergauf wand. Der graue Asphalt wollte heute wohl noch den Himmel berühren. Eine kurze Verschnaufpause. In der prallen Sonne rann mir der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Aber Moment mal: Der eine Tropfen rinnt ja gar nicht! Ungeduldig wollte ich ihn wegwischen und hatte auf einmal das Gehäuse einer Schnecke in der Hand. Ungläubig schauen wir uns kurz an und ich weiß nicht, wer erschrockener geguckt hat. In der nächsten Sekunde landet das Tierchen in hohem Bogen im Gebüsch. Vielleicht sollte ich den Helm heute Nacht nicht einfach auf der nassen Wiese liegen lassen, sondern besser wieder mit ins Zelt nehmen.

Immer kleiner, immer verschlafener werden die Dörfer, je weiter ich mich das Tal hinauf arbeite. Nicht einmal 250 Einwohner nennen Ulrichen – mein heutiges Tagesziel – ihr Zuhause. Zweien von ihnen fühle ich mich besonders verbunden: dem Betreiber des Zeltplatzes und dem Inhaber des Dorfladens. In genau diesem Laden beginne ich ein Gespräch mit zwei anderen Radfahrern, die mir schon bei der Ankunft auf dem Zeltplatz aus einem besonderen Grund aufgefallen waren: Sie hatten überhaupt kein Gepäck an ihren Rädern und meldeten sich merkwürdigerweise dennoch zum Übernachten an. Dem kleinen Smalltalk, bestehend aus den üblichen Woher-und-Wohin-Fragen (da muss ich mir unbedingt mal etwas anderes einfallen lassen), folgt eine Einladung zu einem Glas Wein am Abend. „Du wirst uns schon finden, wir sind zu fünft.“ In der Tat ist es auf der spärlich besuchten, überschaubaren Zeltwiese ein Leichtes die Radfahrertruppe auszumachen und so schnappe ich mir meine letzten Keksvorräte und schlendere nach meinem Abendessen hinüber zu deren Lagerplatz. Ursula, Dörte, Jürgen, Paul und Martin treffen sich seit über 20 Jahren einmal im Jahr zu ihrer „Hannibal-Woche“, nur dass sie, anstatt mit Elefanten, mit ihren Rennrädern die Alpen überqueren. Nun lüftet sich auch das Geheimnis um ihr Gepäck: Tagsüber fahren sie alle gemeinsam einen Alpenpass hinauf. Oben angekommen sausen vier von ihnen dann an der anderen Seite hinunter, wohingegen eine/r dieselbe Strecke wieder zurückfährt und den Transporter hinterherholt. Manchmal wiederholen sie diese Prozedur noch ein- oder zweimal am Tag. Drei Alpenpässe an einem Tag! Und ich grübele immer noch, ob ich den einen morgen nun angehen soll, oder doch lieber den Zug nehme. Als ich den erfahrenen Alpenradlern meine Bedenken unterbreite, ermuntern sie mich, es wenigstens zu versuchen. „Bis Gletsch kommst du auf jeden Fall.“ Ganz professionell vorbereitet, haben sie sogar die Höhenprofile der Pässe, die sie auf ihrer Agenda haben, ausgedruckt. Der vor mir liegende Grimselpass ist fast nur grün (leichter Anstieg) und gelb (mittelschwerer Anstieg) markiert, nur in ganz kleinen Abschnitten mal orange. Damit steht für mich fest, ich werde es versuchen. Beseelt von zwei Gläsern Wein, der netten Gesellschaft und dem erhebenden Gefühl, endlich eine Entscheidung getroffen zu haben, krabbele ich in mein Zelt.


Höhepunkte

(Mittwoch, 3. Juli)

Es ist dunkel, bis auf die spärliche Tunnelbeleuchtung. Ungewohnte Geräusche hallen laut und dumpf von den Wänden wider. Es ist das erste Mal, dass ich mit dem Rad durch einen Tunnel fahre, oder besser: bergab rase. Meine Hände beginnen zu zittern: durch den kalten Fahrtwind, durch das ständige Bremsen und vor Anspannung. Bei 57 km/h habe ich zuletzt auf den Tacho geschaut. Jetzt traue ich mich nicht mehr auch nur einen Finger vom Lenker zu nehmen, um die Karte, die den Kilometerzähler verdeckt, ein Stück zur Seite zu schieben. Mir ist gerade bewusst geworden, dass dieser Tunnel für Radfahrer wohl eher ungeeignet ist. Aber Umkehren im Tunnel ist auch keine Möglichkeit. Da hilft nur: Augen zu – oder doch lieber auf – und durch. In diesem Moment hupt mich ein Motorrad von hinten an und ich bekomme den Schreck meines Lebens. Bloß raus hier!

Als ich am trüben Morgen aufbreche und mich von den Hannibal-Radlern verabschiede, sitzen diese noch beim Frühstück. Dennoch werden sie mich vermutlich bald eingeholt haben, denn mit meinem voll bepackten Rad bin ich ja eher gemütlich unterwegs. Nach wenigen noch eher flach verlaufenden Kilometern erreiche ich mit Oberwald die letzte Ortschaft des Rhônetals. Wie aus der Zeit gefallen erscheint mir die kleine Gemeinde mit den urigen, dunklen Holzhäusern. Viele Fenster sind dunkel oder die Fensterläden sogar verschlossen. Kaum ein Mensch lässt sich auf der Straße blicken und tief hängen die Wolken über dem Dorf. Der Weg in die belebteren Gebiete des Rhônetals liegt in meinem Rücken und ich blicke auf eine Wand aus Bergen. Ich bin mir sicher: hier ist die Welt zu Ende. In dieser Umgebung fällt es mir leicht, mir vorzustellen wie anstrengend und entbehrungsreich das Leben an diesem Ort in den vergangenen Jahrhunderten gewesen sein muss. Jeden Moment, so scheint es mir, könnte eine Bäuerin im einfachen Leinenkleid mit der Milchkanne in der Hand auf den ausgetretenen Holzstufen eines Hauseinganges erscheinen; jeden Moment ein Lausebengel in kurzen Hosen um die Ecke gerannt kommen.

Hinter Oberwald endet der Radweg. Es wird merklich steiler und nach einigen Kurven muss ich schlucken, als ich zum ersten Mal einen Blick auf die Passstraße erhasche: Will ich da wirklich hoch? Inzwischen steige ich immer mal wieder ab und schiebe, weil ich selbst im ersten Gang nicht genug Kraft zum Treten aufbringen kann. Heute weiß ich, dass die Gangschaltung an diesem Rad für meine Kräfte einfach nicht gebirgsgeeignet war, aber hinterher ist man ja immer schlauer. So arbeite ich mich also Stückchen für Stückchen vorwärts und erreiche, bereits ganz schön abgekämpft, das Örtchen Gletsch, dessen Herzstück das imposante und inzwischen in die Jahre gekommene Hotel mit dem klangvollen Namen „Grand Hotel Glacier du Rhône“ ist. Einst stand es direkt am Fuße des Rhônegletschers, doch auch dieser ist – wie so viele andere – in den letzten 150 Jahren massiv abgeschmolzen. Außer dem altehrwürdigen Hotel gibt es noch ein historisches Bahnhofshäuschen im Ort. Dem Bau der Bahnlinie Anfang des 20. Jahrhunderts stand der damalige Hotelbesitzer allerdings skeptisch gegenüber, profitierte doch sein Hotel von der Tatsache, dass es als Pferdetauschstation und Übernachtungsmöglichkeit auf der langen Passüberquerung diente. Um zu verhindern, dass potenzielle Gäste von Hotel und Restaurant nun einfach vorbei rauschten, handelte er aus, dass die Züge mittags eine Stunde in Gletsch hielten und abends auch dort endeten. Das Bemühen hat sich insofern ausgezahlt, als dass das Hotel auch heute noch existiert. Die Noblesse ist inzwischen allerdings dem Shabby Charme der guten alten Zeit gewichen.

Passstraße zum Grimselpass
Da geht es hinauf!

Ganz in die Betrachtung des Hotels versunken, muss ich mich nun endgültig entscheiden, wie es weitergeht: Rauf oder wieder runter, Postbus oder Fahrrad. Letztendlich gibt simple Mathematik den Ausschlag: sechs Kilometer habe ich seit Oberwald schon geschafft, fünfeinhalb sind es noch bis zur Passhöhe. Demnach liegt mehr als die Hälfte schon hinter mir, dann kann es ja so schlimm nicht mehr werden. Die erste Annahme war völlig korrekt, die zweite: naja…

Stück für Stück arbeite ich mich nun vorwärts, eine Kehre um die andere den Berg hinauf. Manchmal fahre ich im ersten Gang, öfter bin ich schiebend unterwegs und die allermeiste Zeit stehe ich am Straßenrand, ringe nach Luft, sammle neue Kräfte und frage mich, warum ich das Ganze hier eigentlich mache. Bei einer dieser zahlreichen Verschnaufpäuschen entdecke ich fünf winzige Rad fahrende Pünktchen auf der Straße zum Furka-Pass hinauf. Höchstwahrscheinlich meine Bekanntschaften von gestern. Allzeit gute Fahrt wünsche ich euch!

Für mich ist inzwischen fast jeder Schritt eine Herausforderung, aber was hilft mir durchzuhalten? Tatsächlich der Gedanke, dass viele Leute schon ganz andere Dinge gemeistert haben: durch den Himalaya geradelt oder die Alpen überquert. Diese Menschen waren nicht so viel anders als ich, also werde ich wohl so einen schnöden Alpenpass hochkommen, auch wenn ich alle 10 Meter anhalten und verschnaufen muss. Zwischendurch überholen mich auch immer wieder Motorradfahrer, Autos oder auch andere Radfahrer. Einige regen sich auf, andere schütteln den Kopf, aber es gibt auch welche, die mich anfeuern und mir den ausgestreckten Daumen nach oben zeigen. Selbst diese kleine Geste kann so viel bewirken. Auch die Worte meiner Zeltplatznachbarn habe ich den ganzen Tag im Kopf: „Bis Gletsch kommst du auf jeden Fall.“ Und wenn man schonmal da ist? Woher wussten sie, dass ich es bis Gletsch schaffen würde? Nein, sie konnten es nicht wissen. Vielleicht wollten sie mich ein bisschen anstacheln oder motivieren, wer weiß. Fakt ist, dass ihre Worte mir das nötige Selbstvertrauen gegeben haben, um es überhaupt erst einmal zu versuchen.

Die letzte Serpentine liegt hinter mir, ich kann endlich wieder aufsteigen und fahren und realisiere, wie hoch ich inzwischen gekommen bin. Die Baumgrenze habe ich auch schon überschritten, dafür werden die Schneefelder häufiger und immer mehr und immer entferntere Alpengipfel sind zu erkennen. Eine letzte Kurve, dann ist endlich die Passhöhe auf 2164 Metern erreicht. WOW! Einfach nur WOW! Ungläubig blicke ich umher. Ungläubig zum einen, weil ich noch gar nicht glauben kann, dass ich es wirklich geschafft habe und zum anderen, weil die Welt hier oben so fremd und schön ist. So stelle ich mir Island vor, dabei bin ich doch nur wenige Kilometer aus dem Tal hinauf- – na sagen wir mal großzügig – gefahren.

Karger Fels, der teilweise noch unter Schneeresten schlummert, wechselt sich ab mit etwas frischem Grün und zwischendrin blühen, als bunte Farbkleckse, sogar schon die Alpenrosen. Am meisten fasziniert mich aber der große See, auf dem munter die Eisschollen umher treiben. Nein, wie Sommer sieht das hier wirklich nicht aus. Der Totensee ist heute ein Stausee. Jedoch befand sich auch früher an dieser Stelle bereits ein kleiner natürlicher See, der seinen gruseligen Namen aufgrund diverser ertrunkener Soldaten verschiedener Heere erhielt. Tauchen würde ich in diesem See also eher nicht…

Nach einer ausgiebigen Fotosession und der Besichtigung eines Murmeltiergeheges schwinge ich mich wieder auf mein Rad. 24 Kilometer soll es nun ununterbrochen bergab gehen. Für mich – aus dem norddeutschen Flachland kommend – ist das eine schlicht und ergreifend unvorstellbar lange Abfahrt. Und es klingt auch deutlich cooler als es ist, denn an einer Stelle übersehe ich eine Umfahrung für Radfahrer und lande in dem eingangs erwähnten Tunnel. Wer schon einmal mit dem Rad durch einen Tunnel gefahren ist, weiß wie unfassbar laut und beängstigend das sein kann, gerade wenn man das zum ersten Mal erlebt. Kaum habe ich diesen Tunnel hinter mir, suche ich mir einen Halteplatz, um mein aufgewühltes Inneres wieder etwas zu beruhigen. Ein rumänisches motorradfahrendes Paar fragt mich, ob sie etwas für mich tun können, aber ich kann im Moment einfach nur da sitzen. Nach einer Viertelstunde rolle ich langsam weiter. Treten muss ich bis Innertkirchen wirklich nicht mehr, aber das könnte ich auch gar nicht. Inzwischen bin ich völlig fertig mit mir und der Welt. Den erstbesten Campingplatz steuere ich sofort an, und auch dort sitze ich erstmal eine halbe Stunde auf einer Bank und starre in die Gegend, bevor ich beginne mein Zelt aufzubauen. Die Campingplatzbesitzerin spricht mich an und als sie merkt, dass ich ihr Schwietzerdütsch absolut nicht verstehe, antwortet sie mit sichtlich bemüht weniger Lokalkolorit in der Sprache: „Ah, du sprichst Hochdeutsch. Ja das haben wir in der Schule auch mal gelernt.“ Da muss ich zum Abschluss des Tages dann doch noch grinsen.

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