Orbit 360 #rideFAR180

Orbit 360 #rideFAR180

Seddiner See im Morgenlicht

Kennt ihr das? Wenn man von einer Idee zum ersten Mal hört, sie großartig findet, der Verstand sich anschließend mindestens 5 Gründe ausdenkt, warum das Blödsinn ist und ganz im Innern aber doch dieser kleine Funke glüht? So ging es mir mit der rideFAR-Challenge von Orbit 360. Die Orbiter sind ursprünglich eine Gravelbike-Community, das bedeutet – salopp gesagt – Rennradfahren im Gelände. Also eigentlich nicht ganz mein Metier, denn ich würde mich eher zu den gemütlichen Reise- und Tourenfahrer:innen zählen. Gepackt hatte mich die Idee trotzdem. Die Herausforderung bestand darin, eine selbst gewählte Tour von 180 oder 360 Kilometern alleine oder mit einem Partner zu fahren. Einzige Bedingungen: Es muss ein Rundkurs sein, der im Uhrzeigersinn gefahren wird. Die Route wird dann mittels App aufgezeichnet, ebenso wie die Zeit, die während sämtlicher Pausen weiterläuft. Am Ende lädt man das Ganze auf deren Website hoch und freut sich. Nur falls sich jemand fragt, warum ich so etwas mache: Genau deswegen :-).

„Der Wert einer Idee liegt in ihrer Umsetzung.“

Thomas Alva Edison

Da das allseits bekannte und gehasste Virus momentan ja sowieso für wenig Abwechslung im Freizeitbereich sorgt, dachte ich: Einen Versuch über 180 Kilometer ist es wohl wert. Die 360 km überließ ich der sportlich ambitionierteren Fraktion. Konkret bedeutete das, dass der Wecker mich am Sonntagmorgen bereits um kurz vor 6 Uhr, also eine Stunde vor Sonnenaufgang, aus dem Bett scheuchte. Frühstücken, Tasche packen, losfahren. Der erste Stopp nach 200 Metern, weil die Gefahr bestand, dass sich Raureif an den Schienbeinen bildete. Schei*e, war das noch kalt! Die Wetter-App sagte knapp 1°C. Also erst einmal die Regenhose über die dünne Trekkinghose drüber gezogen, um durch die isolierende Luftschicht Vereisungen in den Blutbahnen zu unterbinden. Der Sonnenaufgang entschädigte wiederum für fröstelnden Beine (und Hände und Zehen und Ohren und…).

Bis Beelitz kannte ich die Strecke und kam ganz gut voran. Generell hatte ich eine Route gewählt, die überwiegend auf Asphalt verlief. Das widersprach zwar dem Gravelgedanken, aber ich hatte auch mehr den Survival-Gedanken, insofern habe ich mir das einfach mal erlaubt. Schließlich näherte ich mich dem Hochgebirge Brandenburgs, dem Hohen Fläming. Und als ich dort bei Gegenwind unter großer Anstrengung die Hügel hinauf schlich und mich bemühte bei knapp 10 km/h nicht seitlich vom Rad zu kippen, rückte das Tagesziel in immer weitere Ferne. Aber der erfahrene Radler weiß, wenn man nicht weiter weiß oder kann, hilft im Zweifelsfall Essen. Ein Drittel des Weges hatte ich hinter mir und zeitliche Hochrechnungen vermied ich tunlichst, die demotivierten zu sehr ;-).

Nach der Pause trat ich etwas elanvoller in die Pedale, die Gedanken auf die Halbzeitmarkierung bei Kilometer 90 fokussiert, die ich nach 7 Stunden Unterwegssein auch endlich erreichte. Mein Plan ging zum Glück aber insoweit auf, als dass ich von da an keine Steigungen mehr vor mir hatte und auch zunehmend mit dem Wind im Rücken fuhr. Leicht keuchend gratulierte ich mir zu dieser Entscheidung. Und dann bei Kilometer 120 wusste ich plötzlich, dass ich durchhalten würde. Als „Notfallausstieg“ stand noch der Regionalzug in Brandenburg/Havel zur Verfügung, aber nein: ich würde ihn nicht brauchen. Es ist erstaunlich, wie kurz einem 60 Kilometer vorkommen können. Normalerweise kann das auch bei mir schon eine ganze Tagestour sein, aber an diesem Tag war es gerade mal die Spätnachmittagsroute und jetzt war ich wirklich im Flow. Die letzten 30 Kilometer erwiesen sich wieder als etwas zäher, aber Aufgeben kam jetzt nicht mehr in Frage. Inzwischen tat mir auch so ungefähr alles weh, was einem beim Radfahren überhaupt wehtun kann: Als allererstes natürlich der Po. Selbst mit gepolsterter Radhose hatte der Sattel irgendwann seine weiche Seite unten. (Wobei ich auch zugeben muss, dass das Thema „Sattel“ bei mir noch nicht abschließend geklärt ist.) Die Ellenbogen und der Nacken schmerzten, die Beine waren sowieso müde, die Füße schon langsam wieder am Einfrieren – aber egal! Da ist es mit dem Drahtesel wie mit einem echten Esel: Wenn die Heimat ruft, läuft – oder rollt – es schneller.

Die Haustüre schon fast wieder im Blick, trat ich noch einmal für eine kleine Extra-Runde in die Pedale, um die 180 Kilometer zu vervollständigen. Nach 11 Stunden und 22 Minuten im Sattel, beziehungsweise 12 Stunden und 44 Minuten Gesamtzeit, erreichte ich schließlich die heimischen Gefilde. Und beim Tragen des Fahrrads in den Keller war mir klar: Treppensteigen wird am nächsten Tag wohl kein großes Vergnügen :-D.

Uebersichtskarte der Route

4 Gedanken zu „Orbit 360 #rideFAR180

  1. Hallo Birgit,
    Hut ab vor dieser Leistung, Deinem Durchhaltevermögen und die tollen Fotos, die Du dabei auch noch machst.
    Danke, dass Du uns daran teilnehmen lässt.
    Weiterhin gute Fahrt wünscht Dir Anita

  2. Sehr schön beschrieben Birgit!
    Ich erinnere mich gerne an die gemeinsame Zeit in Eupen. Hast du das Rad eigentlich auch im Zug von Eupen nach Ostende mitgenommen?
    In 4 Monaten gehe ich in Rente und dann habe ich noch mehr Zeit für Radtouren. Seit 2 Jahren jedoch mit dem e-bike, aber die kennst ja das Gelände hier!
    Herzliche Grüße von
    Brigitte

    1. Hallo Brigitte,
      ja, daran erinnere ich mich auch gerne zurück. Ich kann kaum glauben, dass das jetzt schon fast 10 Jahre her ist, weil ich mich an so viele Dinge und Erlebnisse noch so gut erinnern kann. Und für Rente bist du doch auch noch viel zu jung! In Belgien bin ich nie mit dem Rad im Zug gefahren, und tatsächlich war ich auch nie in Ostende.
      Ein E-Bike ist auch eine tolle Sache, gerade in Eupen. Was habe ich den Weg vom Werthplatz hoch zu dir manchmal verflucht (und das war ja noch nicht einmal der schlimmste) :-D. Lass es dir gut gehen. Liebe Grüße Birgit

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